Hermann ist wieder da! Der Kult-Teig aus den 80ern

Hermann, ein süsser Sauerteig

Wer die 80er Jahre erlebt hat, erinnert sich an einen etwas merkwürdigen Gast in der Küche: Hermann.

Hermann wohnte in einer Schüssel, musste regelmäßig gefüttert werden und vermehrte sich mit erstaunlicher Zuverlässigkeit. Irgendwann wurde er geteilt. Einen Teil behielt man selbst, aus einem wurde Kuchen gebacken und die übrigen Hermann-Kinder wanderten zu Freunden, Nachbarn, Kolleginnen oder Verwandten. Natürlich immer zusammen mit der wichtigen Pflegeanleitung.

Denn dies war kein gewöhnlicher Kuchenteig. Hermann war quasi ein Familienmitglied.

Was ist ein Hermann?

Hermann ist ein süßer Sauerteig beziehungsweise fermentierter Teigansatz aus Mehl, Zucker, Milch und einer Hefekultur. Er wird über mehrere Tage gepflegt und immer wieder mit frischem Mehl, Zucker und Milch „gefüttert“.

Dabei passiert etwas, das man heute wahrscheinlich wesentlich sachlicher Fermentation nennen würde: Hefen und Milchsäurebakterien arbeiten im Teig, er bildet Bläschen, entwickelt einen leicht säuerlichen Geruch und verändert seinen Geschmack.

Das Prinzip ist uralt. Sauerteige werden schließlich schon seit Jahrhunderten immer weitergeführt und von einem Backtag zum nächsten aufbewahrt.

Das Besondere an Hermann war deshalb weniger der Teig selbst als das Ritual drumherum: Dieser Teig wurde verschenkt. Er war ein essbarer Kettenbrief.

Zusammen mit dem Teig bekam man eine Anleitung, wann er ruhen, wann er umgerührt, wann er gefüttert und wann er geteilt werden musste. Nach einigen Tagen hatte man plötzlich so viel Hermänner, dass man selbst wiederum Ableger verschenken konnte musste.

Wann war Hermann groß in Mode?

Im deutschsprachigen Raum ist der Verschenk-Teig spätestens seit den 1970er-Jahren bekannt. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren verbreiteten sich Hermann und seine Verwandten in deutschen Haushalten. Woher der Name genau stammt, lässt sich heute nicht mehr zuverlässig feststellen.

Auch die Deutsche Nationalbibliothek erinnert an Sauerteige namens Hermann, Robert, Siegfried oder Werner, die damals im Freundeskreis und am Arbeitsplatz weitergegeben wurden, stets mit einer Anleitung für Pflege und Weitergabe. Spätestens in den 1980er-Jahren war dieser Kuchenteig damit ein kleines Küchenphänomen.

Sein Verbreitungsweg würde heute vermutlich jede Social-Media-Managerin glücklich machen: Man brauchte keine Werbung, keine Verpackung und keinen Laden. Jeder Hermann produzierte gewissermaßen seine eigenen neuen Hermänner und damit seine nächsten Empfänger.

Wie alt ist der älteste Hermann?

Spannende Frage, auf die es leider keine Antwort gibt. Es sei denn, genau du hast immer noch einen Teil des besonders guten. 1987er Hermann von Kollegin Matzelreuther in Pflege. Dann lass es mich wissen 😊

Einen nachweislich „ältesten Hermann“, dessen Stammbaum sich lückenlos bis heute verfolgen lässt, scheint es nicht zu geben. Behauptungen wie „dieser Sauerteig ist seit 1970 am Leben“ sollte man deshalb mit Vorsicht genießen.

Das Prinzip hinter dem Verschenkteig ist allerdings sehr viel älter. Sauerteige wurden schon lange vor Kühlschrank, Trockenhefe und Supermarkt weitergeführt und weitergegeben.

Woher bekommt man heute einen Hermann?

Traditionell bekommt man diesen Teig natürlich geschenkt.

Das gehört eigentlich zur ganzen Idee dazu: Jemand teilt seinen Teig und gibt dir einen Becher oder ein Glas Hermann samt Pflegeanleitung mit. Bei uns gab es damals oft als „Ansichtsexemplar“ ein Stück gebackenen Hermannkuchen dazu. Man musste ja quasi ständig backen, um der Teigmassen Herr zu werden….

Falls gerade niemand im Freundes- oder Bekanntenkreis einen solchen Teig beherbergt, musst du allerdings nicht darauf warten, dass eines Tages einer vor deiner Haustür steht.

Du kannst ihn ganz einfach selbst erschaffen:

Hermann selbst ansetzen

Du brauchst:

100 g Weizenmehl
1 EL Zucker
½ Päckchen Trockenhefe
150–200 ml lauwarmes Wasser

Mehl, Zucker und Trockenhefe miteinander vermischen. Das lauwarme Wasser dazugeben und alles zu einem glatten, eher flüssigen Teig verrühren.

Den Ansatz etwa zwei Tage bei Zimmertemperatur stehen lassen und zwischendurch umrühren. Danach kommt der Teig in den Kühlschrank.

Nun kannst du ihn so behandeln, als hättest du ihn gerade von jemandem geschenkt bekommen.

Wie pflegt man Hermann?

Das Schöne ist: Hermannteig ist anspruchsvoller als ein Rührteig, aber erheblich pflegeleichter als ein Haustier oder gar Ehegatte.

Sein klassischer Pflegezyklus dauert zehn Tage.

Der Hermann-Pflegeplan

Tag 1: Hermann darf sich ausruhen.

Tag 2: einmal umrühren.

Tag 3: einmal umrühren.

Tag 4: einmal umrühren.

Tag 5: Hermann wird gefüttert.

Dafür bekommt er:

100 g Mehl
150 g Zucker
150 ml Milch

Alles gut miteinander verrühren und Hermann wieder in den Kühlschrank stellen.

Tag 6: umrühren.

Tag 7: umrühren.

Tag 8: umrühren.

Tag 9: umrühren.

Tag 10: Jetzt wird der Teig noch einmal mit

100 g Mehl
150 g Zucker
150 ml Milch

gefüttert.

Anschließend wird geteilt.

Je nach Ausgangsmenge erhältst du ungefähr vier Portionen. Eine kannst du weiterpflegen, eine zum Backen verwenden und die anderen verschenken.

Und genau an diesem Punkt beginnt das alte Hermannprinzip von vorne.

Muss der Teig wirklich jeden Tag umgerührt werden?

Nach dem klassischen Hermann-Brief: ja.

Wenn du das Umrühren einmal vergisst, muss Hermann allerdings nicht gleich feierlich beerdigt werden. Ein gesunder Ansatz ist durchaus robust. Wichtiger ist, auf Aussehen und Geruch zu achten. Der süße Sauerteig darf leicht säuerlich und vergoren riechen und Bläschen bilden, denn schließlich lebt und fermentiert er.
‚Schimmel, auffällige Verfärbungen oder ein eindeutig verdorbener Geruch sind dagegen ein Grund, ihn zu entsorgen.

Kann man den Teig einfrieren?

Ja. Und das ist ausgesprochen praktisch, wenn gerade sämtliche Freunde und Verwandten schon bei deinem Anblick rufen: „Nein, ich möchte keinen Hermann!“

Eine Portion des fertigen Ansatzes lässt sich einfrieren und später wieder auftauen und weiterverwenden.
So kannst du deinem treuen Freund auch eine Pause gönnen, ohne alle zehn Tage neue Abnehmer suchen zu müssen.

Und was backt man aus Hermann?

Der Klassiker ist natürlich Hermann-Kuchen.

Der leicht fermentierte Ansatz sorgt für einen saftigen, aromatischen Kuchen und lässt sich wunderbar verändern. Hermann verträgt sich unter anderem mit Äpfeln, Zimt, Nüssen, Mandeln, Schokolade, Rosinen oder Kirschen.

Aber aus diesem vielseitigen Teig lassen sich auch Muffins, Früchtekuchen, Brot und andere Gebäcke machen.

Klassischer Hermann-Kuchen

Für einen einfachen Kuchen aus Sauerteig brauchst du:

200 g Hermann-Teig
2 Eier
100 g Zucker
100 ml neutrales Pflanzenöl
200 g Mehl
1 TL Backpulver
1 TL Zimt
1 Prise Salz
100 g gehackte Nüsse oder Mandeln

Nach Geschmack kannst du zusätzlich beispielsweise Äpfel, Rosinen oder Schokoladenstückchen hineingeben.

Eier, Zucker und Öl mit dem Hermann-Teig verrühren. Mehl, Backpulver, Zimt und Salz mischen und kurz unterheben. Zum Schluss Nüsse und eventuell weitere Zutaten dazugeben.

Den Teig in eine gefettete Kasten- oder Springform geben und bei etwa 180 °C Ober-/Unterhitze ungefähr 45 bis 60 Minuten backen. Gegen Ende mit einem Holzstäbchen oder einer ungekochten Spaghetti prüfen, ob der Kuchen durchgebacken ist.

Hermannkuchen mit Apfel und Zimt

Eine meiner liebsten Varianten für den Herbst ist Hermann mit Äpfeln.

Dafür einfach zwei säuerliche Äpfel schälen, in kleine Würfel schneiden und zusammen mit etwas zusätzlichem Zimt unter den Grundteig heben.
Walnüsse oder Mandeln passen ebenfalls wunderbar dazu.

So wird aus dem Sauerteig-Ansatz ein wunderbar saftiger Apfelkuchen, der auch am nächsten Tag noch richtig gut schmeckt.

Schoko-Hermann

Wer es schokoladiger mag, gibt etwa 2 EL Backkakao und 100 g gehackte Schokolade in den Kuchenteig.

Auch Kirschen passen hervorragend dazu. Wichtig ist bei Obst aus dem Glas nur, es vorher gut abtropfen zu lassen, damit der Teig nicht zu feucht wird.

Hermann-Muffins

Auch für Muffins eignet sich ein Hermannteig prima.

Den fertigen Kuchenteig einfach auf Muffinförmchen verteilen und – je nach Größe – ungefähr 20 bis 25 Minuten backen.

Das ist besonders praktisch, wenn man den Sauerteig gerne portionsweise einfrieren oder die fertigen Kuchen verschenken möchte.

Warum Hermann heute eigentlich wieder perfekt passt

Vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass Hermann immer wieder auftaucht.

Wir backen wieder Sauerteigbrot, fermentieren Gemüse, setzen Kombucha an und interessieren uns plötzlich für Dinge, die unsere Großmütter wahrscheinlich einfach „ganz normal“ gefunden hätten.
Ein nostalgischer Sauerteig, den man weitergibt, passt wunderbar dazu. Aber ich glaube, sein eigentlicher Charme liegt noch woanders. Man konnte Hermann nicht einfach für sich behalten.
Irgendwann war zu viel davon da.
Dann füllte man einen Teil in ein Glas oder eine Schüssel, schrieb die Anleitung dazu und fragte jemanden:

„Möchtest du einen Hermann?“

Und wenn derjenige Ja sagte, stand ein paar Tage später in einer anderen Küche ebenfalls eine Schüssel, die gefüttert und umgerührt werden wollte.

Lange bevor wir Rezepte per WhatsApp verschickt, Foodfotos auf Instagram geteilt oder Sauerteig-Starter im Internet bestellt haben, wurde ein Rezept auf diese Weise tatsächlich von Küche zu Küche weitergegeben.
Und niemand musste sich für „heute nur 29,99 Euro!!!“ ein Best-Practice-Workbook via Instagram dazu andrehen lassen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir uns so gerne an Hermann erinnern.
Man bekam nicht einfach nur ein Rezept. Man bekam gleichzeitig das Rohmaterial, die Anleitung und oft auch etwas vom Ergebnis geschenkt. In der heutigen Zeit fast undenkbar.

Lass mich gerne wissen, welche Erinnerungen du mit Hermann verbindest und was dein Lieblingsrezept ist. Schaffen wir es, eine neue Hermann-Welle loszutreten?

Fotos: Adobe Stock: Tatiana Morozova, MeganKobe

❤️ Folge mir auf Social Media:

🚨 Aktuelle Angebote und Neuigkeiten
🎬 Youtube
🪴 TikTok
📌 Pinterest
🌁 Instagram
📞 Whatsapp
📕 Facebook
🐦 Twitter
🥘 Austausch von günstigen, köstlichen Rezepten!
🪷 Tägliche Motivation

Schreibe einen Kommentar